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Bei ihrer Forderungen nach der Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken sind Union und FDP recht deutlich. Geht es um die Endlagerfrage wird eher auf Ausweichmanöver nach dem Motto überall nur nicht hier gesetzt. Erst heute ging ein „vertrauliches“ Gutachten im Auftrag von Bundesforschungsministerin Annette Schavan durch die Medien: Es untersucht nicht nur den eventuellen Neubau von Atomkraftwerken, sondern empfiehlt auch, die Endlagersuche auf den Süden Deutschlands auszuweiten. Eigentlich sollte der Inhalt des Papier auch erst nach der Bundestagswahl an die Öffentlichkeit gehen.
Ein Endlager in Baden-Württemberg oder Bayern? Mechthilde Wittmann von der CSU präsentiert sich in München als nach eigenen Worten „untypische“ Vertreterin ihrer Partei. Die Endlagersuche müsse natürlich offen verlaufen. Nur: Die Wahrscheinlichkeit fündig zu werden sei im Norden einfach höher. „Deshalb bin ich auch eher entspannt“.
Schön für Frau Wittmann. Andere Töne schlagen Axel Berg von der SPD und Jerzy Montag von den Grünen an: Ersterer war im Strahlenschutzanzug mitmarschiert. Beide hatten die Gelegenheit gerne genutzt, ihre Position in diverse Kameras und Mikrofone zu sprechen. Schon in den 80er Jahren habe die Union von der Übergangstechnologie Atomkraft gesprochen, kritisiert Berg. Auch Montag hat genug vom „lavieren und lancieren“. Und meint, die lange Durststrecke des Atomausstiegs läge schon hinter uns: „In der nächsten Legislaturperiode werden sieben Reaktoren abgeschaltet“. Allerdings nur, wenn man die Rechnung ohne Schwarz-Gelb mache.
„Mit Hoffnungen werden wir unsere Kühlschränke nicht kühlen können“ - Rainer Stinner von der FDP findet dagegen die Position der Atomgegner für „unverantwortlich“. Zum einen sei niemand anderes als Rot-Grün daran Schuld, dass in Sachen Endlager über Jahre kein Fortschritt gemacht wurde. Und das jüngst bekannt gewordene Gutachten zu Gorleben aus den 80ern? Alles Wahlkampf! So einfach ist das.
Jercy Montag, Bündnis90/Die Grünen
Allerdings nicht durchweg. Zwischendurch bewegt sich die Diskussion am Rande der Raison: Die Verlängerung der Laufzeiten verpackt etwa Wittmann am Ende so: „Wir brauchen einen neuen Atomkonsens – außer es geschieht ein Wunder“. Eine Rückbesinnung auf Wind und Wasser statt Wunder predigt dagegen Berg: Bayern müsse endlich Vorreiter werden in Sachen Erneuerbare Energien. Auch Montag „ärgert es tierisch“, dass Parteien wie die FDP den Ausbau der Erneuerbaren blockieren würden - und gleichzeitig den derzeitigen Anteil regenerativer Energien am Strommix als Argument gegen den Atomausstieg heranziehen.
2021 soll nach derzeitigem Stand das letzte AKW vom Netz gehen: „Sie können uns doch nicht weismachen dass wir in 11 Jahren keine Lücke schließen können“, meint Henning Hintze von der Linken. Vom ewigen Wachstum müsse man sich zudem verabschieden und verstärkt auch Energie einsparen. Das Münchener Publikum stimmte vor allem beim letzten Punkt zu: „Es ist genug“.
Rainer Stinner, FDP
Kurz vor Beginn des Oktoberfests ist die ganz München schon auf „die Wiesn“ eingestellt: Blau-weiße Fahnen wehen überall, während farblich abgestimmt CSU-Wahlkampfplakate dazu auffordern die „richtige Wahl“ für Bayern zu treffen.
Die Kontroverse liegt heute mehr denn je in der Natur der Sache. Vor dem Sendlinger Tor werden die Aktivisten schon ungeduldig, während mit der Polizei noch letzte Auflagen verhandelt werden müssen. Das dauert etwas länger und muss genauestens ausdiskutiert werden – schließlich sind wir im Freistaat Bayern und hier herrscht vor allem eins: Ordnung. Wie in Stuttgart dürfen nur die Atomfass-Trommler den zur Strahlenschutz-Ausrüstung zugehörigen Mundschutz tragen. Zum Schutz der Biergärten dürfen die Lautsprecher auf dem Truck nur in eine bestimmte Richtung schallen.
Auch innerhalb der Demonstranten startet sofort die Debatte: Vor den Castor hat sich ein Geistlicher verirrt, der vehement die Atomenergie verteidigt. Mit dem altbekannten Argument der Stromlücke: Werden die Atomkraftwerke vom Netz gewonnen gehen die Lichter aus – Gott bewahre. Der ungläubige Thomas stellt sich der Diskussion mit den Atomgegnern - und mag schließlich wenigstens zugeben, dass es so einfach nun auch nicht ist mit der Atomenergie.
Bundestagskandidaten der SPD und der Grünen mischen sich zur Demo in die Menge. Die Gelegenheit ist günstig: Das Medienaufgebot ist groß in München. Kameras, Mikrofone und Fotografen weichen dem Castor nicht von der Seite. Mit 300 Nuklearexperten ziehen wir über den Karlsplatz bis zum imposanten Odeonsplatz direkt vor den Hofgärten – Bayern ist zwar nicht gerade dafür bekannt, sich um ein Endlager zu reißen, aber auch hier wird natürlich ergebnisoffen gesucht.
Aber: Die Probebohrung ergibt wieder nur die Untauglichkeit als Endlager für Atommüll. Da bleibt eigentlich nur noch eins, meint Engel Aloysius, subversives Kulturgut der Münchner, der sonst seine bierselige Glückseligkeit im Hofbräuhaus sucht: Dann schaltets halt aus endlich – Zifix luja sag i!